Reife
macht Sinn
Bilder
und Photographien von Andreas Giger
Kapitelbeispiel
Frühling 2003
Reife als Jugendplus

"Ich
will so jung aussehen, wie ich mich fühle !" Mit dieser Begründung
vertrauen sich immer mehr ältere, aber auch mittelalterliche und
ganz alte Menschen den Skalpellen der Schönheitschirurgen an und
investieren dabei viel Geld und Zeit und oft genug auch Blut und Tränen.
Auch für dieses Verhalten gilt
selbstverständlich, dass jede und jeder nach ihrer und seiner Façon
selig werden darf und soll immerhin gehört dieser Grundsatz
zu den reifsten Errungenschaften menschlichen Zusammenlebens. Soll also
schneiden und straffen, spritzen und pumpen, wer mag. Wir können
uns ja derweil der Frage zuwenden, was daran reif ist und was nicht.
Was Reife sein könnte, zeigt
sehr schön und beispielhaft eine Bitte an die höheren Mächte,
die verschiedenen Autoren zugeschrieben wird und vermutlich aus dem
18 Jahrhundert stammt:
"Gott, schenke mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern
kann;
Den Mut, Dinge zu ändern, die
in meiner Macht stehen;
und die Klugheit beides voneinander
zu unterscheiden."
Reihe heißt hier also nicht, passiv und Däumchen
drehend dazusitzen und alles Geschehen unbeeindruckt an sich vorbei
ziehen zu lassen. Ins Geschehen eingegriffen wird sehr wohl, aber nur
dort, wo es sich lohnt, wo es etwas bringt. Dort aktiv zu werden, wo
Veränderungen nicht möglich sind, bedeutet nur, Energien zu
verschleudern und zu verpuffen, und mit der eigenen Energie muss man
nun mal in reiferen Jahren sorgsamer umgehen.
Die Voraussetzung für den haushälterischen
und damit sinnvollen Umgang mit der eigenen Energie wird
in unserer Fürbitte als letzte und vermutlich wichtigste der drei
erflehten Tugenden genannt: die Klugheit, zwischen Dingen zu unterscheiden,
die ich verändern kann, und solchen, wo ich nur gegen eine Wand
renne. Es handelt sich hierbei ohne Zweifel um eine reife Tugend, denn
zu ihrem Erwerb ist viel Erfahrungswissen nötig, und die Fähigkeit,
aus dem Erfahrenen die richtigen Schlüsse zu ziehen.
Und natürlich auch Offenheit
und Flexibilität, denn die Grenzen zwischen dem Möglichen
und dem Unmöglichen sind nicht ein für allemal festgelegt.
Als die zitierte Bitte an die Gottheit entstand, gab es noch keine Schönheitschirurgie;
wer sich also auch im Alter eine straffe Haut wünschte, war schlicht
ein wenig blöd, denn das gab es nicht im Angebot.
Das hat sich bekanntlich gründlich
geändert. Es steht heute, mit etwas Hilfe der plastischen Chirurgie,
durchaus in der eigenen Macht, das eigene Aussehen zu ändern. Und
sehr viel Mut braucht es dazu auch nicht mehr, denn viele früher
unvorstellbare "Anti-Aging-Maßnahmen" werden heute allgemein
akzeptiert, das heisst, sie sind normal geworden. Um Normales zu tun,
braucht es wenig Mut.
Unversehens stellen wir fest, dass Schönheitsoperationen
im Sinne unserer drei Tugenden ein reifes Verhalten darstellen: Eine
sich bietende Gelegenheit wird ergriffen. Dieser (Trug-?)Schluss zeigt
mal wieder, dass man sich nicht unbesehen auf alte Zitate verlassen
sollte. Wir leben nun mal im 21. und nicht mehr im 18. Jahrhundert,
und in dieser Zeit hat sich das Spektrum dessen, was in unserer Macht
steht, dermaßen erweitert, dass sich unweigerlich die Frage stellt,
ob wir wirklich alles dürfen und sollen, was wir können.
Im heutigen Supermarkt der Möglichkeiten
ist es schlicht unmöglich, alles zu tun, was möglich ist.
Wir müssen deshalb ständig auswählen, uns zwischen verschiedenen
Möglichkeiten entscheiden. Das allgemeinste Entschei-dungskriterium
bei dieser Wahl ist immer die Antwort auf die Frage: Wieviel ist mir
dieses Angebot wert ?
Die Frage nach dem Wert einer Sache
ist bewusst persönlich formuliert, denn Gott sei Dank lässt
sie sich nicht generell beantworten, sondern nur individuell: Wieviel
mir etwas wert ist, hängt von meinen persönlichen Werten ab.
Mich persönlich zum Beispiel
reizt das Angebot der Schönheitschirurgie wenig, ich ziehe ein
lebhaftes und lebendiges Gesicht mit Falten einer künstlich geglätteten
Fassade vor, der oft etwas Starres und Maskenhaftes amhaftet. Doch das
ist Geschmackssache. Mehr interessiert mich, welche Werte denn eigentlich
hinter dem starken Wunsch nach einem jünger gemachten Gesicht stecken.
Die Phantasie vom Jungbrunnen, in
den man als alter Mensch hinein steigt und als holde Maid oder knackiger
Bursch wieder heraus kommt, ist uralt. Der Wunsch nach ewiger Jugend
steckt also tief in uns Menschen drin. Darin steckt sicher viel Angst
vor dem im Alter näher rückenden Tod. Doch das kann noch nicht
alles sein. Jugend an sich ist offenbar ein wertvolles Gut, und die
Abneigung gegenüber dem älter Werden beruht wesentlich auf
der Angst vor dem Verlust der Jugend.
Am im Wortsinne sichtbarsten wird
der Verlust der Jugend tatsächlich in der Veränderung der
eigenen äußeren Erscheinung. Wir altern körperlich und
werden dabei weder hübscher noch stärker noch schneller. Ein
Stück Jugend geht beim Altern unweigerlich verloren.

Aufhalten kann diesen Prozess alle
Medizin der Welt bisher nicht, höchstens mildern und verzögern.
Das allein mag für manche vieles bedeuten. Ob sich jemand seine
Falten mit dem Messer glätten lässt, kann nicht über
den Reifegrad dieser Person entscheiden.
Aufschlussreicher ist da schon die
Frage, wie sehr man an seinem Äußeren hängt, wie sehr
man sich mit dem Glättegrad seiner Haut identifiziert, wieviel
Energie man da rein steckt. Und wie so oft im Leben geht es auch hier
um das richtige Maß, eine Erkenntnis, welche die meisten Reifungsprozesse
irgendwann bereit halten. Samt der daraus folgenden Konsequenz: Reif
ist es, das richtige Maß zu finden und das Übermaß
zu meiden.
Wer sein Selbstbewusstsein ausschließlich
davon abhängig macht, wie jugendlich er aussieht, identifiziert
sich offen-sichtlich im Übermaß mit seinem Körper. Und
übersieht dabei, dass er oder sie durchaus auch in älteren
Jahren viel von dem kostbaren Gut Jugend behalten kann.
Der Boom von "Anti-Aging",
so haben wir einleitend festgestellt, beruht auf dem Wunsch, das Äußere
(so jung aussehen) wieder mit dem Inneren (wie ich mich fühle)
zur Deckung zu bringen. Das erinnert mich an zwei Besitzerer eines Hauses,
dessen Fassade so exponiert ist, dass man ihr das Wirken des Zahns der
Zeit nach jeder Renovierung immer wieder schnell ansieht. Der eine Hausbesitzer
steckt alle Energie trotzdem immer wieder in die Fassadenrenovation.
Der andere lässt den Zahn der Zeit nagen und genießt stattdessen
das Innere seines Hauses, das unverändert frisch und gepflegt ist.
Welches der reifere Hausbesitzer ist, braucht wohl nicht lange erörtert
zu werden...
Sich jung oder gar jugendlich zu
fühlen, ist allemal wesentlich einfacher und weniger aufwändig
als jugendlich auszusehen. Wenn wir das einmal begriffen haben, können
auch wir Menschen in den reiferen Jahrgängen anfangen, all die
vielen Eigenschaften, Werte und Energien in uns zu entdecken oder wieder
zu entdecken, die man gemeinhin mit Jugend in Verbindung bringt: Neugier
und die Lust am Lernen, die Fähigkeit zu staunen, die Freude an
Spaß und Spiel, Lebenslust und intensive Gefühle.
Kein Alter kann uns dieser Schätze
der Jugend berauben, wir können es höchstens selbst. Wer sich
seiner eigenen Reifung nicht entgegen stemmt, wird sogar feststellen,
dass manche in mittleren Jahren abgeschwächte junge Eigenschaft
im Alter wieder verstärkt hervor tritt. Hermann Hesse formulierte
es so: "Mit der Reife wird man immer jünger."
So gesehen ist der viel beschworene
Jugendlichkeitswahn unserer Tage also vor allem deshalb ein Wahn, weil
wir verzweifelt etwas nachrennen, das wir bereits haben. Wir sind jung,
auch in älteren Jahren, Reifung ist nicht gleichbedeutend mit dem
Verzicht auf Jugend.
Jedenfalls nicht auf deren essentiellen Teile. Die
ganze, ungeteilte Jugend können wir natürlich nicht erhalten,
das wäre auch langweilig. Manche Aspekte der Jugend gehen mit dem
Alter unweigerlich flöten, doch auf vieles davon können wir
gerne verzichten. Was beweist, dass zur Jugend, die wir uns erhalten,
durchaus Wertvolles hinzu kommen kann. Etwa, dass wir nicht mehr alles
müssen, was wir in der Jugend noch zu müssen glaubten, und
dadurch mehr können, nämlich das, was unseren gewachsenen
Ansprüchen entspricht, uns frommt und Sinn macht. Reife meint somit
nicht Verlust der Jugend, sondern der Bewahrung plus das, was im Reifungsprozess
dazu gekommen ist.
Plastisch wird mir dies, wenn ich
die Geschichte meines Photographierens betrachte. Immer "nur"
als Liebhaberei (wie unreif wir manche Wörter noch immer verwenden...)
photographiere ich seit frühen Jugendtagen. Die Faszination dafür
und die dazu notwendigen zwei Talente, nämlich das Auge für
ein potenzielles Bild und das Gefühl für den richtigen Moment,
habe ich vermutlich mitbekommen.
All das ist geblieben und es ist eine Menge
dazu gekommen. Blick und Timing sind gereift. Stetige Erfahrung hat
beides geschärft und verfeinert, gleichzeitig sicherer und offener
gemacht. Und die jugendliche Freude an dieser Entwicklung, der Spaß
und die Faszination, auf diese Weise ein Stück Welt zu entdecken
und abzubilden, sind nicht nur geblieben, sie sind gewachsen. Das ist
Reifung als Jugendplus.
