Die
allmähliche Aufweichung der Pensionierungsgrenze
Müssen, sollen, dürfen,
können und wollen wir künftig in unserem Leben länger
arbeiten ? Und was bringt´s ? Die Diskussion über diese Fragen
ist in letzter Zeit mächtig in Fahrt gekommen. Die allmähliche
Aufweichung des Pensionierungsalters zeichnet sich ab.
Von Andreas Giger
Bisher ging der Trend immer nur
bergab: Frühverrentung und Frühpensionierung hiessen die Zauberworte.
In Deutschland hat das dazu geführt, dass im Jahr 1999 nur noch
45 Prozent der 55- bis 65-Jährigen im Berufsleben standen. Mittlerweile
beschäftigt dort mehr als die Hälfte aller Unternehmen niemanden
mehr über 50 !

Die Schweiz hat diese Entwicklung
wie so oft etwas verschlafen, hier zu Lande arbeiten zwischen 55 und
65 noch 73 Prozent. Wohin soll die Reise künftig gehen ? Nähern
wir uns den deutschen Verhältnissen an, oder ist eine Trendumkehr
in Sicht ?
Der Fall Wüthrich

Da schäumte
die Nation vor Wut: Der ETH-Professor Kurt Wüthrich, eben zum Stolz
des Landes mit dem Nobelpreis gekürt, durfte wegen einer starren
Regelung seine Professur in der Schweiz nicht über das offizielle
Rentenalter hinaus führen und musste deshalb in die USA auswandern,
wo man ihn mit offenen Armen und flexiblen Regelungen empfing.
Nun, der
Fall ist mittlerweile zur allseitigen Zufriedenheit gelöst, doch
er hat schlaglichtartig gezeigt, wie absurd es ist, einem Menschen im
Pensionierungsalter das Arbeiten verbieten zu wollen. Für die Betroffenen
bedeutet es eine unzumutbare Diskriminierung, für die Volkswirtschaft
eine sinnlose Verschleuderung von Ressourcen.
Die Ressource
Erfahrungswissen
Mit einer
Alters-Teilzeitarbeit bietet sich die Möglichkeit, viel Know-how
zu erhalten. Statt eines abrupten Herunterfahrens der Arbeitsleistung
auf null kann ein Potenzial noch sinnvoll genutzt werden, das die Schweiz
in den nächsten Jahren zunehmend brauchen wird. Das
sagt Peter Hasler, Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbands.
Und er hat Recht damit. Echtes Know-how ist eben immer Erfahrungswissen,
und um dieses anzusammeln, braucht es nun mal ein paar Jährchen
auf dem Buckel. Und wo es vorhanden ist, lässt es sich kaum in
einen Computer stecken, es steckt vielmehr in den Köpfen und kann
auch nur dort angezapft werden.
(Mehr zum
Thema finden Sie im Artikel "Reife
- ein Schatz, den es zu heben gilt" .)
Können die Älteren
überhaupt noch ?
Gegen eine längere Lebensarbeitszeit
wird oft eingewendet, ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter könnten
gar nicht mehr richtig arbeiten, sie seien nicht mehr produktiv. Dazu
ein Zitat von Bruno S. Frey, Professor für Volkswirtschaftslehre
an der Universität Zürich:
Ältere Menschen sind in
der Tat physisch weniger leistungsfähig, aber gerade dieser Aspekt
ist in der modernen Arbeitswelt unwichtiger geworden. Senioren haben
möglicherweise auch geringere kognitive Fähigkeiten, insbesondere
soweit neue Informationen zu verarbeiten sind. In anderer Hinsicht sind
sie den Jüngeren hingegen eindeutig überlegen, wie arbeitspsychologische
Studien gezeigt haben. Sie machen weniger blau, wechseln weniger häufig
ihren Job, haben weniger Unfälle und sind mit ihrer Arbeit zufriedener,
was sich positiv auf die allgemeine Produktivität auswirkt.
Bei den Bauarbeitern, die bekanntermassen
körperlich ausgelaugt werden, ist das Rentenalter 60 sicher angebracht.
Bei den vielen Tätigkeiten, in denen weder Muskelkraft noch Reaktionszeit
eine wichtige Rolle spielen, ist älter sein kein Makel, sondern
im Gegenteil ein Wettbewerbsvorteil.
Müssen die Alten ran ?
Es gäbe doch ohnehin zu wenig
Arbeitsplätze, woher sollten denn jetzt auch noch welche für
die Älteren kommen - so wird oft argumentiert. Die Prognosen sprechen
eine andere Sprache: Neue Stellen nur mit 25- bis 30-Jährigen
zu besetzen, hat keine Zukunft mehr. Die Organisation mit einer verkürzten
Alterspyramide, die nur von 20 bis 49 reicht, ist schon so gut wie Vergangenheit.
Ab 2003 wird der Anteil der 31- bis 49-Jährigen unter den Arbeitnehmern
nur noch eine Richtung haben: nach unten. Nur ältere Arbeitnehmer
werden dann noch in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen. Personalmanager,
Berater und Trainer werden sich auf die neuen Realitäten einstellen
müssen. (manager-Seminare Sept.2002)

Es scheint
also ziemlich klar: Volkswirtschaftlich gesehen müssen die Alten
ran. Der Trend, immer noch früher in Rente zu gehen, wird sich
nicht mehr bezahlen lassen. Längere statt kürzere Lebensarbeitszeit
wird die Devise heissen. Also, wie dies bestimmte politische Kreise
bereits fordern, rauf mit dem Rentenalter ?
Wer will
noch arbeiten ?
Eine eben
erst publizierte Studie von Rolf Widmer und Alfonso Sousa-Poza "Verbreitung
und Potenzial der Alters-Teilzeitarbeit in der Schweiz", gefördert
von der Stiftung "avenir
suisse", zeigt folgende Hauptergebnisse:
1. Bereits
heute sind über das AHV-Alter hinaus (zwischen 65 bzw. 62 und 75
Jahren) beträchtliche Minderheiten noch erwerbstätig, nämlich
15 Prozent der Männer und 9 Prozent der Frauen.
2. Unter
den "Altersarbeitern" sind die Selbständigen besonders
häufig, ihr Anteil beträgt über die Hälfte (gesamthaft
gesehen nur 13 Prozent).
3. Altersarbeit
wird von gut Ausgebildeten bevorzugt.
4. Das Geld
spielt vermutlich eine Rolle, ob noch gearbeitet wird oder nicht.
5. Altersarbeit
ist in kleinen Betrieben stärker verbreitet.
6. Altersarbeit
ist etwas für Schweizer, nicht für Ausländer.
Es gibt,
so die Studie, ein erhebliches Potenzial an erwerbswilligen Personen
im fortgeschritten Alter. Zu den bereits vorhandenen 70 000 Menschen,
die jenseits der Pensionierungsgrenze noch erwerbstätig sind, kommen
weitere 150 000, die durchaus würden, wenn sie könnten.
Folgerungen
Auch jenseits
der Pensionierungsgrenze erwerbstätig zu sein, wird zur Perspektive.
Die Nachfrage wird steigen, das Angebot ebenso. Klar ist allerdings,
dass Zwangsmassnahmen wenig sinnvoll wären. Eine generelle Verschiebung
der Pensionierungsgrenze nach hinten wird der vielfältigen und
komplexen Arbeitswelt von heute und morgen nicht mehr gerecht, wie denn
überhaupt die Idee eines fixen generellen Rentenalters aus einer
längst weitgehend versunkenen industriellen Wirtschaft stammt.
Sinnvoller
sind da sicher Überlegungen zu einer vierten Säule: Neben
der Rente aus der AHV, der Pensionskasse und der als Sparversicherung
konzipierten dritten Säule sollen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer
die Möglichkeit haben, vorwiegend in Form von Teilzeitarbeit im
Rentenalter ein zusätzliches Einkommen zu erzielen.
Notwendigkeiten
für das Personalwesen
Für
das Personalwesen ergeben sich aus dem veränderten Arbeitsmarkt
der Zukunft einige bedeutsame Konsequenzen, wie das Magazin "manager-Seminare"
schreibt:
Rekrutierung:
Es müssen gezielt ältere Mitarbeiter angesprochen und eingestellt
werden.
Retention:
Mitarbeiterbindung wird zu einer Personalreserve. Älteren Mitarbeitern
muss eine Perspektive im Unternehmen geboten bzw. ein zweiter Karriereweg
offeriert werden.
Qualifikation:
Auch Ältere müssen sich weiterbilden können. Ihren Bedürfnissen
entsprechende Lernangebote sind vonnöten.
Diversity:
Unternehmen müssen das Miteinander von Jung und Alt fördern.
Projektteams werden gemischt zusammengesetzt: Die Änderungsfreude
der Jüngeren wird mit dem Detailwissen und der Erfahrung der Älteren
zusammengebracht.
Arbeitsmodelle:
Für ältere Mitarbeiter braucht es Arbeitskonzepte, die flexibel
sind, die ein geringeres Arbeitspensum zulassen bzw. ein Arbeiten mit
weniger Stress ermöglichen.
Pensionierung:
Das definitive Arbeitsende wird in den nächsten Jahren nach hinten
verschoben. Die verschobene Pensionsgrenze wird sich als Mittel zur
Erweiterung der Personalressourcen erweisen - überall da, wo sonst
keine zusätzlichen Mitarbeiter mehr zu bekommen sind.
Erweiterung
des Arbeitsbegriffs
Länger
zu arbeiten wird in den seltensten Fällen bedeuten, einfach noch
ein paar Jahre mehr auf demselben Bürosessel abzusitzen. Innovationskraft
und Phantasie werden gefordert sein, die speziellen Fähigkeiten
älterer Mitarbeiter sinnvoll zu nutzen.
Das kann
zum Beispiel jede Form von Mentoring oder Coaching bedeuten. Die Adlatus-Vereinigung
etwa vermittelt das Erfahrungswissen von Führungskräften oder
Fachexperten im Rentenalter an Klein- und Mittelbetriebe sowie an Jungunternehmen.
1982 wurde der Verein mit 20 Mitgliedern gegründet, heute sind
es es rund 300 Personen, die im Jahr 2001 Honorareinnahmen von rund
2 Millionen Franken erwirtschaftet haben...

Und natürlich
geht es nicht nur um Erwerbsarbeit. In der Zivilgesellschaft wächst
der Bedarf nach Freiwilligenarbeit - ältere Menschen haben dafür
ein Riesenpotenzial. In Winterthur wurde nach erfolgreichen Tests gerade
das Programm "Grossmütter in die Kindergärten" flächendeckend
eingeführt.
Der bekannte
Schweizer Altersforscher François Höpflinger (54) antwortete
auf die Frage, ob er mit 70 noch erwerbstätig sein werde: Warum
nicht ? Ich könnte mir vorstellen, sogar mit 80 noch wissenschaftlich
zu forschen. Die Kreativität muss im hohen Alter nicht erlahmen,
das zeigt sich bei Komponisten und Autoren.
Dem ist nichts
hinzuzufügen... Ausser dem Verweis auf einen ebenso interessanten
wie spannenden (wenn auch etwas ausführlicheren) Artikel aus England:
Älterwerden ? Yes please !