Geschmacksfrage Reife Politik
Ob man beim Wein
oder beim Käse lieber die etwas reiferen oder die etwas weniger reiferen
Modelle mag, ist eine Frage des persönlichen Geschmacks. Und über
Geschmacksfragen lässt sich bekanntlich nicht streiten – jede und jeder
soll nach seiner Facon selig werden.
Etwas anderes ist
es, wenn es um das Gegenteil von Reife geht, also um Unreife. In einer Gegend
mit landwirtschaftlichen Genen weiss man: Unreife Äpfel oder Trauben schmecken
nicht nur widerlich, sie verursachen auch unweigerlich Bauchgrimmen. Woraus wir
messerscharf schliessen: Wer unreife Früchte mag, hat mehr als einen schlechten
Geschmackssinn. Er ist darüber hinaus ganz einfach nicht sehr klug.
Nun sind mir doch
neulich interessante Ergebnisse einer Umfrage zu Ohren gekommen. Es ging dabei
um die Frage „Wie reif ist die Schweizer Politik?“. Reife Politik meint dabei
einerseits die Vertretung der speziellen Anliegen und Interessen reiferer
Menschen, andererseits aber auch bestimmte politische Umgangs-Formen, die auf
Werten wie Respekt, Verantwortung Anstand beruhen. Geantwortet haben
erstaunlich viele Wählerinnen und Wähler vor allem aus den reiferen
Generationen – und die müssten es ja eigentlich wissen. (Ergebnisse:
www.reife.ch)
Es wird Sie nicht
überraschen, dass die Diagnose in Sachen Reife Politik eher düster ausgefallen
ist. Positiver formuliert: Es gibt ein grosses Potenzial für eine reifere
Politik in der Schweiz.
Auch die Parteien
kommen nicht gut weg. Die Befragten, die durchaus ein Abbild der parteipolitischen
Landschaft bilden, sagen von keiner Partei laut und deutlich, es handle sich um
eine reife Partei. Zum Glück werden die Parteien auch nicht als besonders
unreif empfunden – mit einer Ausnahme. Da sagt eine klare Mehrheit, es
handle sich um eine unreife Partei.
Von wem die Rede
ist, verschweigen des Sängers Höflichkeit und seine parteipolitische
Neutralität. Eines aber frage ich mich schon. Wenn plötzlich fast ein Drittel
der Bevölkerung freudig und lustvoll in offenkundig unreife und damit saure
Äpfel beissen würden, müsste man sich beim Bundesamt für Gesundheit ernsthafte
Sorgen über eine seltsame Epidemie machen.
Wenn dasselbe in
der Politik geschieht, fühlt sich wieder mal niemand zuständig. Aber vielleicht
kommen ja jene vielen, welche die Vorliebe für Unreifes für eine
Geschmacksverwirrung und mehr halten, diesen Herbst doch mal auf den Geschmack
und gehen wählen...
Der
Alte vom Berg
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