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Reaktionen auf die Vision REIFE SCHWEIZ

 

Eine Geschichte aus der Zukunft von Monika Huber

 

30. Juli 2040

Wer hätte das gedacht! Heute werde ich 85 Jahre alt. Während ich auf meine Freundin, Doris, warte, sie arbeitet bis 15.00 Uhr und wird gegen halb vier bei mir sein, gehen mir verschiedene Gedanken durch den Kopf.

Um das vorweg zu nehmen, ich fühle mich nicht alt. Einzig die Gelenkschmerzen und die Beine, die nicht mehr richtig laufen wollen, beunruhigen mich. Aber das muss ja nichts mit dem Alter zu tun haben. Die Hüftarthrose hatte ich schon mit 30, operieren musste ich sie erst mit 70.

Ich kann mich noch gut erinnern, als ich 55 Jahre alt war, das war 2010, da begann sich das Bild vom Alter zu ändern. Hier und da meldeten sich vereinzelte Stimmen. Betroffene organisierten sich in Stiftungen, auf Webseiten und in Generationenprojekten. Das Buch ‚Die Vision reife Schweiz‘ wurde ein Kultbuch und hat auch die Menschen wachgerüttelt, die sich bis zu diesem Zeitpunkt hinter Verordnungen versteckt haben.

Warum erst dann, warum nicht schon früher? Vielleicht hat das mit der Kultur und den Werten zu tun, die sich von Generation zu Generation weiterentwickelt haben. Selbstbewusste, offene, innovative, verantwortungsbewusste und konfliktfähige Alte waren herangewachsen. Sie fühlten sich von den Politikern nicht wahrgenommen, von den Krankenkassen, öffentlichen Institutionen und Dienstleistern diskriminiert. Die Unzufriedenheit der Benachteiligten ob jung oder alt war so gross, dass sie sich solidarisierten. Bald waren ihre Beiträge aus dem gesellschaftlichen Leben nicht mehr wegzudenken. Ja, so muss es gewesen sein.

Ich stehe zu meinen körperlichen Beschwerden und mute mich meiner Umgebung zu, denn ich habe immer noch was zu bieten. Mein Mann ist vor ein paar Jahren gestorben. Wir hatten keine Kinder. Freundinnen und Freunde gibt es auch nicht mehr viele. Sie sind gestorben oder man hat sich auseinandergelebt. Doris, das ist eine wirkliche Freundin und meine wichtigste Bezugsperson, obwohl wir uns erst 5 Jahre kennen. Zu ihr habe ich Vertrauen und was mir besonders wichtig ist, unsere Freundschaft beruht auf einem ausgewogenen Geben und Nehmen. So profitieren wir beide voneinander. Sie ist eine alleinerziehende Mutter und ihr 16 jähriger Sohn, Markus, ist eine grosse Herausforderung für sie.

„Wenn ich bei dir bin, dann kann ich Abstand nehmen und manches sehe ich durch deine Worte mit anderen Augen“, sagt sie oft.

Dabei sage ich gar nicht viel, nur, das sage ich immer wieder: „Dein Sohn und ich, wir haben viel gemeinsam. Er ist dabei, sein altes Leben zu verlassen, aber er ist im neuen noch nicht angekommen. Ich glaube, diese Schnittstelle erleben wir emotional gleich stark und beunruhigend. Er ringt darum, unabhängig und autonom zu werden und ich ringe darum, unabhängig und autonom zu bleiben.“

Bei unserem letzten Treffen sagte sie: „ Aber bei dir merkt man gar nichts von der Alterspubertät, du wirkst so erfahren und weise.“ „Dich muss ich ja nicht loslassen, du müsstest mich abends erleben, wenn ich vor Schmerzen nicht einschlafen kann und mit meinen Beinen schimpfe, oder wenn die Pflegerin kommt, die mich 1 x in der Woche badet. Nichts kann sie mir recht machen. Manchmal tut sie mir richtig leid“, antwortete ich.

Es klingelt. Ich brauche lange bis ich an der Tür bin. Doris weiss das. Wir umarmen uns und gehen ins Wohnzimmer. Den Kaffee habe ich vorbereitet, den Kuchen hat Doris mitgebracht. Ausserdem überreicht sie mir einen Briefumschlag. „Wenn ich bei dir bin, vergesse ich all meine Sorgen“, sagt sie mit einem kleinen Lächeln um den Mund. „Im Geschäft geht es drunter und drüber und von Markus wollen wir heute nicht reden, das ist dein Geburtstag“, fährt sie fort und ich erwidere: „Fällt dir das nicht auf den Wecker, dich auch noch mit einer alten Frau auseinandersetzen zu müssen, die immer langsamer wird?“

„Freundschaft kennt kein Alter. Man hat sich was zu sagen oder nicht? Du wirst es nicht glauben, deine Ruhe und deine Langsamkeit sind echte Entspannung für mich. Sie zwingen mich innezuhalten, das ist mir im Alltag fast nicht möglich. Nun mach schon den Umschlag auf.“

Doris ist ganz aufgeregt. Ich öffne den Umschlag, nehme die liebevoll gestaltete Karte heraus und lese laut vor: „Das ist ein Gutschein für einen Tag mit mir. Du bestimmst, was wir machen.“ Was für ein wunderschönes Geschenk.

Als ich abends im Bett liege, spüre ich keinen Schmerz. Ich überlege mir, was ich an dem besonderen Tag mit Doris machen werde. Es gibt nämlich einiges, was ich nicht mehr alleine machen kann.

Ja, ich habe ein schönes Leben. Ich lebe in einem Land, indem alle Menschen gleichwertig sind und sich gegenseitig respektieren. Ich habe eine Freundin, zu der ich volles Vertrauen habe. Ich weiss, dass ich die Dämonen in meinem Körper nicht stoppen kann, aber ich weiss auch, das habe ich in meinem Leben erfahren, es gibt immer eine Lösung.

Ich danke den Weggefährten und Weggefährtinnen, die im Jahr 2010 den Grundstein dafür gelegt haben, dass Generationen gemeinsam die Zukunft gestalten . . . Das ist mein letzter Gedanke, bevor ich einschlafe. Und als ich am nächsten Morgen aufstehe, fühle ich mich richtig gut. Ich freue mich auf die Pflegerin, die mich Heute baden wird und ich verspreche, ich werde meinen Frust nicht an ihr auslassen. Ich werde mich den Veränderungen, die auf mich zukommen, stellen und das Beste daraus machen.

 

 

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